
„𝗗𝗲𝗿 𝗩𝗲𝘀𝘂𝘃? 𝗟𝗶𝗲𝗴𝘁 𝗮𝘂𝗳 𝗦𝗶𝘇𝗶𝗹𝗶𝗲𝗻.“
Das sagte vor vielen Jahren ein Vorgesetzter von mir. Bei einer Veranstaltung, im Small Talk, vor versammelter Runde — mit der vollen Überzeugung eines Mannes, der es gewohnt war, im Raum den meisten Platz einzunehmen.
Ich war an beiden Bergen gewesen: am Vesuv über dem Golf von Neapel und am Ätna auf Sizilien. Also wagte ich den leisen Einwand, dass der Vesuv nicht auf Sizilien liege.
Er fuhr mir sofort über den Mund. „Das stimmt nicht.“ Er sei schließlich dort gewesen. Innerhalb von Sekunden stand ich als der Ahnungslose da — und das Thema war erledigt, bevor ich es geraderücken konnte. Ein Streitgespräch vor allen anderen? Aussichtslos.
Er hatte unrecht. Aber er hatte das letzte Wort. Im Raum blieb seine Version hängen.
Ich habe diese Szene nie vergessen — nicht wegen der Geografie, sondern wegen der Mechanik dahinter: Der größte Einfluss gehört oft nicht dem, der recht hat. Sondern dem, der am lautesten und am sichersten auftritt.
Das ist menschlich. An den Kapitalmärkten ist es teuer. Dort kostet die stärkste Meinung im Raum regelmäßig am meisten Geld — weil Überzeugung mit Wahrheit verwechselt wird und die leisere, genauere Stimme verstummt.
Deshalb misstraue ich Gewissheit, je lauter sie wird. Auch meiner eigenen. „Ich könnte mich irren“ ist für mich kein Zeichen von Schwäche, sondern die Voraussetzung für gute Entscheidungen. Wem geben Sie im entscheidenden Moment mehr Gewicht — der lautesten Stimme oder der besten Begründung?