
Sonntag. Zeit für eine liebevolle Beobachtung – über uns selbst.
Kein Wort benutzt unsere Branche häufiger als „langfristig“. Anlagehorizont: zehn Jahre plus. Wir sagen das nicht nur. Wir meinen es auch.
Und dann sieht der Tag so aus:
👉 06:58 Uhr – erster Blick. „Nur die Futures.“
👉 09:00 Uhr – Eröffnung. „Nur ganz kurz.“
👉 13:15 Uhr – Mittagessen. Handy knapp unter Tischkante.
👉 22:05 Uhr – Wall Street Schluss. „Nur fürs Gefühl.“
Zehn Jahre Horizont, zehn Blicke am Tag. Das sind rund 36.500 Blicke auf ein Depot, das man eigentlich gar nicht anfassen wollte.
Die Wissenschaft hat dem längst einen Namen gegeben. Benartzi und Thaler nannten es 1995 „Myopic Loss Aversion“ – kurzsichtige Verlustangst. Ihr Befund: Je häufiger Anleger ihr Depot bewerten, desto stärker schmerzen die zwischenzeitlichen Verluste – und desto vorsichtiger und schlechter werden ihre Entscheidungen.
Thaler bekam für seine Arbeiten später den Nobelpreis.
Wir bekamen dafür die Depot-App mit Push-Nachrichten.
Ich nehme mich ausdrücklich nicht aus – bei mir ist das Hinsehen sogar Beruf.
Aber der ernste Kern bleibt: Die Kunst ist nicht, hinzusehen. Die Kunst ist, nicht bei jedem Blick zu handeln. Der Blick kostet nichts. Die Reaktion auf den Blick kostet Rendite.
In diesem Sinne: schönen Sonntag. Das Depot ist morgen noch da.
Seien Sie ehrlich: Wie oft schauen Sie wirklich? 😉