
So nennen die Franzosen die Dämmerung – jenen Moment, in dem das Licht so schwach wird, dass man nicht mehr erkennt, ob sich ein treuer Hund nähert oder ein Wolf.
Der Neurowissenschaftler und frühere Trader John Coates hat sein Buch danach benannt: „The Hour Between Dog and Wolf”. Denn genau diese Verwandlung durchläuft ein Anleger unter Druck – vom besonnenen Hund zum riskierenden Wolf. Und meist merkt er es nicht.
Coates hat als Forscher in einem Londoner Handelsraum die Hormone von Tradern gemessen. Ein Befund: Wer morgens einen höheren Testosteronspiegel hatte, verdiente an diesem Tag im Schnitt mehr.
Daraus – und aus der Verhaltensbiologie – entwickelt er den „Winner-Effekt”: Wer gewinnt, dessen Testosteron steigt. Das Hormon hebt Selbstvertrauen und Risikoappetit. Der nächste Erfolg fällt leichter – ein sich selbst verstärkender Kreislauf. Testosteron, sagt Coates, ist „das Hormon der Blasen”.
Bis der Markt dreht. Dann übernimmt Cortisol – das Hormon der Angst. Aus Übermut wird Erstarrung, oft genau dann, wenn ein kühler Kopf am meisten wert wäre.
Der Hund und der Wolf sehen im Zwielicht gleich aus. Das ist die eigentliche Gefahr: Ein Hochgefühl fühlt sich an wie Können – obwohl es manchmal nur Chemie ist.
Coates’ Botschaft ist deshalb nicht „nutze den Rausch”. Sie lautet: Kenne ihn, damit er dich nicht steuert.
Für mich ist das der Kern von Disziplin. Ein guter Monat ist keine Erlaubnis für mehr Risiko. Er ist der Moment, in dem ich meinem Prozess am genauesten folge – nicht aus Misstrauen gegen mich selbst, sondern aus Respekt vor Abläufen, die wir nicht steuern können.
Wann waren Sie zuletzt am mutigsten – kurz nach Ihrem größten Erfolg?